Donnerstag 21. Mai 2026

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20.05.2026

Predigt zu Christi Himmelfahrt

Die Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zu Christi Himmelfahrt, am 14. Mai 2026 im Stephansdom:

Ein Fisch kann im Wasser nicht ertrinken, weil er in seinem Element ist. Und Vögel können fliegen, weil die Luft ihr Lebensraum ist. Wie ist das bei uns? Wann ist der Mensch in seinem Element? – Ganz spontan würde ich antworten: Hier auf der Erde, am Boden bin ich in meinem Element, da fühle ich mich sicher, da gehöre ich hin.

Christi Himmelfahrt ergänzt diese kurzsichtige Antwort und öffnet die Perspektive des Himmels. Damit weist uns das heutige Fest auf eine Spannung hin, die zum christlichen Leben gehört. Darüber möchte ich jetzt ein wenig mit Ihnen nachdenken. Ich beginne mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche: „Ich beschwöre euch, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden. Sie sind Verächter des Lebens.“ – So hat Nietzsche über die Christen seiner Zeit geurteilt.

 

Bleibt der Erde treu!, das meint: Interessiert euch für die Menschen um euch und für die Schöpfung, verachtet die Freuden des Lebens nicht und geht an konkreter Not nicht achtlos vorbei. Nietzsche kritisierte eine Frömmigkeit, die nur nach Weihrauch riecht und die Augen zum Himmel verdreht, ständig vom ewigen Seelenheil und den himmlischen Freuden redet, doch das irdische Leben, das Hier und Jetzt, nicht ernst nimmt.

 

Die 1. Lesung aus der Apostelgeschichte hat mich an Nietzsche erinnert: „Ihr Männer von Galiläa warum steht ihr da und schaut zum Himmel?“, so fragen die Engel die Jünger. Hat doch der Auferstandene vor seiner Himmelfahrt zu ihnen gesagt: Geht! Macht euch auf den Weg und tut etwas! Geht zu allen Völkern, heilt die Kranken! Mischt euch ein, verkündet das Evangelium und verändert die Erde! Dastehen und zum Himmel schauen ist zu wenig.

 

Das Fest Christi Himmelfahrt lenkt unseren Blick eben nicht nur nach oben zum Himmel, sondern auch auf die Erde, auf die konkrete Zeit, in der wir leben, auf die Schöpfung und die Menschen, die uns anvertraut sind. So wie es das Konzil gesagt hat: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ – Christsein heißt also in Spannung leben: die Welt und den Himmel, die Menschen und Gott im Blick haben, Gottesdienst und Menschendienst, Gebet und Arbeit, das Irdische und das Himmlische. Christ sein heißt: das Irdische nicht verteufeln und den Himmel erden.

 

Ein 2. Gedanke: Heute feiern Kuratoriumsmitglieder der „Stiftung Pro Oriente“ mit uns Gottesdienst. Im November 1964, zur Zeit des 2. Vatikanischen Konzils hat Kardinal Franz König Pro Oriente gegründet, um Kontakte zu den Kirchen des Ostens - damals noch hinter dem Eisernen Vorhang - zu knüpfen. In den vergangenen Jahrzehnten wurden durch viele Gespräche, Begegnungen und vor allem durch menschliche Kontakte Brücken zu unseren östlichen Schwesternkirchen geschlagen. Ein Grundsatz von Pro Oriente heißt: „Wir schaffen Wege, indem wir sie gemeinsam gehen.“

„Geht!“ hat der Auferstandene zu seinen Freunden gesagt. Geht, ich sende euch, geht zu allen Völkern, verkündet das Evangelium, tauft die Menschen, heilt die Kranken. – Bewegung ist wichtig, um gesund zu bleiben. Wenn die Kirche gesund bleiben will, muss sie auf dem Weg bleiben, immer neue Wege suchen, so wie Pro Oriente seit mehr als 60 Jahren Wege zur Versöhnung und zur Einheit sucht, in den letzten Jahren verstärkt vor allem durch Jugendprojekte.

 

Geht, ich sende euch! – Dieser Auftrag des Auferstandenen erinnert uns: Österlich leben wir dann, wenn wir unseren Lebensweg nach dem Evangelium ausrichten und aufeinander zugehen; wenn wir gemeinsam unterwegs sind, in uns gehen, still werden und auf die Stimme unseres Gewissens hören; wenn wir im Alltag treu und konsequent unseren Weg gehen; wenn wir auf Arme und Hilfsbedürftige zugehen und sie nicht alleine lassen; wenn wir auch auf dem Glaubensweg gemeinsam gehen, einander stützen und vertrauen: Unser Weg hat ein Ziel. Wir gehen dem Himmel entgegen.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir Christi Himmelfahrt ernst nehmen, wird der heutige Feiertag zu einem Bild für unsere eigene Lebensreise. Wir leben als Christen immer in der Spannung von Weg und Ziel, von Erde und Himmel. Wir verteufeln nicht das Irdische, wir erden den Himmel und vertrauen darauf, dass Gott unser Ziel ist.

Ich schließe, indem ich den Grundsatz von „Pro Oriente“ Jesus Christus in den Mund lege, denn ich bin überzeugt, dass der Auferstandene heute zu uns allen sagt: „Wir schaffen Wege, indem wir sie gemeinsam gehen. Denn ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“  - Credo! Daran glauben wir!